„Der Alphabetmörder“ von Lars Schütz

Surren. Ein brennender Schmerz lief über Tugbas Rücken. Sie kannte dieses Stechen. Vor zwei Jahren hatte sie sich ihre Lebensphilosophie auf den linken Oberarm tätowieren lassen. Etwas nicht zu wissen, ist keine Schande, etwas nicht zu lernen, ist eine. Auf Türkisch. Als Erinnerung an ihren Vater. *

Cover: "Der Alphabetmörder" von Lars Schütz

„Der Alphabetmörder“ von Lars Schütz, Ullstein Verlag

Worum geht es?

In einem Wildtierpark im Westerwald wird der Leichnam eines Mannes gefunden. Das dilettantisch eintätowierte „A“ auf dem Brustbein bewegt die SOKO Koblenz dazu, das Fallanalytiker-Team um Jan Grall und Rabea Wyler zur Unterstützung zu rufen. Noch während der Anreise der Profiler wird die nächste Leiche in dem Park gefunden. Das in dessen Haut eintätowierte „B“ lässt auf einen Serientäter schließen. Jan Grall stammt gebürtig aus dem Westerwald und hat seine Heimat vor zwanzig Jahre fluchtartig verlassen. Nun holt ihn seine Vergangenheit wieder ein und behindert die laufenden Mordermittlungen.

Vergangenheit hat Einfluss auf die Gegenwart

In der „Alphabetmörder“ erfährt man viel über Jan Gralls Vergangenheit und warum er sich dagegen sträubt, zurück in seine Heimat Westerwald zurück zu kommen. Oft werden in Büchern die schrecklichen Geheimnisse in der Vergangenheit des Protagonisten angepriesen, man wird heiß gemacht und fast jedes Mal wird man enttäuscht. Dieses Mal wurde nicht übertrieben und der Autor hat das gehalten, was er versprochen hat. Die Auflösung hat mich eiskalt erwischt: Chapeau.
Mit dem Leser wurde von Anfang an gespielt, wer der Mörder – und was sein Motiv – ist. Ab einem bestimmten Abschnitt verdichteten sich allerdings die Hinweise und es war für den Leser nicht schwer, den Täter auszumachen. Umso erfreulicher, als die Geschichte am Schluss noch einmal eine riesige Wendung vollführte und – ich spreche für mich – total überraschte.

Rot ist die Farbe des Westerwaldes

Könnte man zumindest meinen, wenn man den Thriller von Lars Schütz liest. Gefühlt jede zweite Frau hat in dem Roman rote Haare. Rote Haare werden – genau wie blonde Haare – rezessiv vererbt und weltweit haben noch nicht einmal 1% der Bevölkerung natürlich rote Haare. Daher gehe ich davon aus, dass der Autor gefärbte Haare meint und ein Faible für diese Haarfarbe hat.

Ich konnte mit expliziten Ortsbeschreibungen noch nie etwas anfangen

Ich lese sie und bin nicht in der Lage oder bereit sie in meinem Kopf abzuspeichern. Der Autor nennt viele Ortschaften im Westerwald und ich kann mir gut vorstellen, dass Ansässige und Ortskundige ihre reinste Freude daran haben, ihre Umgebung wiederzuerkennen. Vorausgesetzt natürlich, dass die Angaben korrekt sind. Dafür, könnte das Schlusswort des Autors sprechen.

Auftakt einer Buchreihe – Ein Team mit Potenzial

Das Zusammenspiel der Protagonisten hat mir wirklich gut gefallen. Mein erster Eindruck, dass das Verhältnis von Grall und Wyler unterkühlt ist, stellte sich als falsch heraus. Ersterer verfügt über einen sehr ausgeprägten Beschützerinstinkt, das sich auch in dem Verhalten gegenüber Miriam, einer jungen Ausreißerin, sehr deutlich zeigt. Bei Miriam bin ich mir absolut sicher, dass man sie in weiteren Bänden wiedertreffen wird. Bei Stüter und Ichigawa vermute ich kein Wiedersehen, da die Fallanalytiker sicherlich deutschlandweit aktiv sein werden. Mich würde es sogar nicht wundern, wenn es demnächst – grenzüberschreitend – ab in die Schweiz gehen würde, schließlich wurde der Leser bereits auf Rabeas Geschichte um das Verschwinden ihrer Schwester Marie angefixt. Diese Geschichte muss erzählt werden.

Realismus und Recherchen

Mir haben die „Fallanalyseweisheiten“ die im Buch gestreut wurden sehr gut gefallen. Schön fände ich, wenn Lars Schütz in diese Richtung recherchiert hat – oder zumindest recherchieren hat lassen – und dieses „Profiler 1×1“ echt ist. Nicht so gut hat mir der der Umgang mit dem am Tatort hinterlassenen „Literatur-Schnipseln“ gefallen. Wie realistisch ist es, dass jedes Mal einer der Ermittler gleich wusste, aus welchen Klassiker der Weltliteratur das Zitat stammt? Die Buchklassiker, die ich bisher gelesen habe, kann ich an einer Hand abzählen und für meinen Bekanntenkreis kann ich das Selbe behaupten. Vielleicht habe ich auch keine Ahnung und für Polizeibeamte gehört „klassische Weltliteratur“ zur Berufsausbildung.
Interessant war auch, dass Jan Grall „vegan“ lebt. Ich habe bereits Kommentare von Lesern gelesen, die dies kritisieren, weil man diesem Modetrend nicht auch noch in Romanen thematisieren sollte. Diese Reaktion kann ich als „Vegetarierin“ nicht nachvollziehen. Schließlich ist der Lebensstil von der fiktiven Person „Jan Grall“ nur ein Schnipsel von dem was ihn ausmacht und dem Leser ermöglicht, den Protagonisten kennenzulernen und ihn letztendlich lebendig werden lässt. Ganz klar ist mir auch nicht, wie der Autor zu dem Thema „Veganismus“ steht. Sind die Klischees, dessen er sich bedient; Jan, Veganer wirkt ungesund blass, magersüchtig; das, was er wirklich denkt oder spielt er mit den Lesern und hält ihnen den Spiegel der Vorurteile vor die Nase? Ich würde ihm Ersteres noch nicht einmal übelnehmen da ich früher genauso gedacht habe und mich über solche Verallgemeinerungen nicht mehr aufrege sondern lieber schmunzele. Jan Grall sagt in dem Buch folgendes zu seiner Schwägerin, als sie über seine vegane Art zu leben reden.

„Über Jahre hinweg habe ich mich damit beschäftigt, was sich Menschen gegenseitig antun können. Glaub mir, irgendwann möchte man nichts mehr mit Blut, Tod oder Gefangenschaft zu tun haben.“ **

Finde ich sehr passend.

Fehlerteufelchen

Am Anfang des Buches hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen, der mir auch erst beim zweiten Lesen aufgefallen ist. Als Rabea am Bahnhof auf Jan trifft, nimmt er ihr „ohne zu fragen“ ihren Trolley ab, in der nächsten Kofferszene „zerrt“ dann auf einmal Rabea den Trolley hinter sich her und in der dritten Szene „stützt“ sich Jan plötzlich wieder auf die Henkel des Trolleys. Kann alles passieren und eventuell besteht noch die Möglichkeit, zumindest die ebook-Versionen des Romans zeitnah nachzubessern.

Bewertung vier Rehkitze

 

Band 1 der Jan Grall und Rabea Wyler Reihe

Der Alphabetmörder

Ullstein Verlag | 2018 | 400 (Print) Seiten | 978-3843717311 | € 8,99 (epub)

 

* Lars Schütz: Der Alphabetmörder. Ullstein Verlag, 2018, die ersten sieben Sätze; ** Lars Schütz: Der Alphabetmörder. Ullstein Verlag, 2018, Seite 108 (epub)

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