„Leise stirbst du nie“ von Daniel Annechino

Ich liege nackt auf dem provisorischen Kreuz. An der Unterseite meiner Arme, die Wirbelsäule entlang und hinten an meinen Oberschenkeln spüre ich, wie sich Splitter des rohen Holzes in meine empfindliche Haut bohren. Meine Arme und Knöchel sind mit Wäscheleinen an das Kreuz gebunden. Ich versuche, in der feuchten Luft zu atmen, doch meine Lungen sind wie zusammengepresst, als würde ein schweres Gewicht auf meiner Brust liegen. Mein Herz klopft gegen meine Rippen.*

Cover: "Leise stirbst du nie" von Daniel Annechino

„Leise stirbst du nie“ von Daniel Annechino, Ullstein Taschenbuch Verlag

Worum geht es?

Simon ist ein gottesfürchtiger Mann und hat einen Auftrag. Zumindest denkt er das. Er verschleppt Frauen in den Dreißigern zusammen mit ihren kleinen Kindern, hält sie in seinem Keller gefangen und kreuzigt die Sünderinnen nach drei Tagen. Den Kindern tut er nichts; sie sind nur sein Druckmittel damit die Mütter sich „benehmen“. Sami Rizzo ist Detektive beim Morddezernat und alleinerziehende Mutter einer süßen zweijährigen Tochter. Sie lernt den charmanten Simon bei einer Wohltätigkeitsaktion kennen und fühlt sich sehr zu ihm hingezogen. Allerdings bemerkt sie mit wachsenden Misstrauen, dass er in das Täterprofil des Serienmörders passt. Auch Simon fühlt sich zu ihr hingezogen, allerdings weniger aus romantischer Sicht. Für ihn ist Sami eine weitere Sünderin, sogar in zweifacher Art. Möchte sie ihn – und damit Gottes Willen – aufhalten.

„Leise stirbst du nie“ ist ein guter Psychothriller, der unter die Haut geht.

Direkt zu Anfang weiß man, wer der Täter ist und somit fällt bereits das Rätseln „Wer könnte der Mörder sein?“ flach. Die Geschichte läuft eher auf eine Art Psycho-Duell, dass sich Sami Rizzo und Simon Kwosokowski liefern hinaus. Sami ahnt, dass es sich bei Simon um den gesuchten Frauenmörder handelt, teilt sich ihren Kollegen allerdings aus Sturheit nicht mit. Simon weiß, dass Sami auf ihn angesetzt ist, kann aber seinem inneren Drang sie zu läutern nicht widerstehen. Nach und nach erfährt man, warum Simon geworden ist, wie er ist und leider kommt hier das Klischee „streng gläubige Mutter quält ihren Sohn“ zum Tragen.

Überhaupt hat Simons Geschichte leichte Ansätze von Stephen Kings „Carrie“.

Der Charakter Sami Rizzo, entspricht dem einer alleinerziehenden Mutter, die sich in ihrem von Männern dominierten Beruf durchzusetzen versucht. Ihr zur Seite steht ihr Partner Al Diaz, mit dem sie über fast alles reden kann. Sie unterstützen sich jeweils in ihren schwersten Stunden.
Wer es gerne blutig mag, wird hier enttäuscht. Der Autor geht wenig ins Detail bei den Folterszenen. Hier und da ein paar Andeutungen, aber wenn Simon seine Blackouts hat, nimmt er uns mit und wir wissen nicht genau was passiert ist.

„Leise stirbst du nie“ ist das erste Segment der zweiteiligen „Sami Rizzo“-Reihe

Annechino hat mit „Leise stirbst du nie“ einen spannenden, wenn auch klischeebehafteten Roman geschrieben, der sich flüssig lesen ließ. Die einzigen Stellen, die mich zur Konzentration gezwungen haben, waren die, wo aus der Sicht des Mexikaners Al Diaz geschrieben wurde. Vielleicht liegt es an den Namen oder Orten, aber oft musste ich eine Szene mehr als einmal lesen.
Die Protagonisten waren allesamt unverkennbar beschrieben und ich hegte dieses Mal sogar Sympathien für die weibliche Schlüsselfigur. Das ist für mich schon sehr ungewöhnlich. Ich konnte allerdings nicht nachvollziehen, warum sie niemanden von ihrem Verdacht erzählt hat.

 

Bewertung vier Rehkitze

 

 

Band 1 der Sami Rizzo Reihe

Leise stirbst du nie | Keine Gnade

Ullstein Taschenbuch Verlag | 2011 | OT: They never die quietly | Übersetzung: Barbara Krause | 406 Seiten | 978-3548282626 | € 8,99 (Ausgabe nur noch gebraucht erhältlich)

 

* Daniel Annechino: Leise stirbst du nie. Ullstein Taschenbuch Verlag, 2011, die ersten fünf Sätze

Kommentare sind geschlossen.