„Tote Mädchen lügen nicht“ von Jay Asher

»Sir?«, wiederholt sie. »Wann soll das Paket ankommen?«
Mit zwei Fingern streiche ich mir über die linke Augenbraue. Das Pochen ist schlimmer geworden.
»Spielt keine Rolle«, antworte ich.
Die Postangestellte nimmt das Paket. Derselbe Schuhkarton, der vor nicht mal vierundzwanzig Stunden auf meiner Veranda gelegen hatte, wieder eingeschlagen in eine braune Papiertüte, verschlossen mit durchsichtigem Klebeband, genau so, wie ich ihn bekommen hatte. Doch jetzt mit einem neuen Namen versehen. Dem nächsten Namen auf Hannah Bakers Liste.*

Cover: "Tote Mädchen lügen nicht" von Jay Asher

„Tote Mädchen lügen nicht“ von Jay Asher, CBJ/CBT Verlag

Worum geht es?

Clay ist fassungslos, als er die erste Kassette (von sieben Stück) abspielt und die Stimme von Hannah Baker vernimmt. Hannah, seine ehemalige Mitschülerin. Hannah, für die er insgeheim geschwärmt hat. Hannah, die vor zwei Wochen Suizid begangen hat. Auf den Kassetten erfährt er, wie es soweit kommen konnte und was sie zu diesem folgenschweren Schritt veranlasst hat. Dass es Menschen gibt – die er zum Teil gut kennt – die mit ihren mehr oder weniger schweren Taten dafür gesorgt haben, dass Hannah ihr junges Leben aus freien Stücken beendet hat. Auf jeder Kassettenseite widmet sich Hannah einer dieser Personen… und Clay ist eine davon.

„Tote Mädchen lügen nicht“ behandelt Themen wie Mobbing, Lügen und Vergewaltigung.

Die Protagonisten in diesem Buch sind Clay, der die Kassetten zugeschickt bekommen hat und sie sich nun anhört und Hannah, die diese Kassetten aufgenommen hat und wie einen Kettenbrief weiterschicken lässt.
Clay hört eine Kassette nach der anderen, weil er schnellstens wissen will, warum er an Hannahs Selbstmord mitschuldig sein soll. Er ist sich keinerlei Vergehen bewusst. Während er die Kassetten mit einem Walkman hört, wandert er durch ihre Heimatstadt und sucht die Orte auf, die Hannah auf einer beigelegten Karte als wichtig für ihre Geschichte markiert hat. Es hat fiese Gerüchte um Hannah gegeben, über sie wurde nicht gerade positiv gesprochen und nun lauscht Clay ihrer Stimme und erfährt ihre Sicht der Dinge. Mit jeder Kassette ergibt alles mehr einen Sinn und Zusammenhang und Clay, obwohl er das Ende kennt, würde nichts lieber tun als Hannah aufhalten und sie zu retten.

Ich bin zwiegespalten.

Einerseits, habe ich in letzter Zeit kein Buch so zügig ausgelesen wie diesen Roman (weil er so sehr gefesselt hat). Andererseits bin ich mit der Umsetzung nicht ganz zufrieden. Die ganzen kleinen und großen Begebenheiten, die zu Hannahs Selbstmord führten, waren zum Teil nicht nachvollziehbar. Natürlich ist das was ihr passiert ist, alles ganz furchtbar und grausam, aber für mich partout kein Grund gleich sein Leben zu beenden. Hannah konzentriert sich zu sehr auf die Schuld von den Anderen, geht aber nicht gerade selbstkritisch mit sich um. Oft hätte sie was unternehmen können, um den Teufelskreis zu durchbrechen.
Vielleicht bin ich schon zu alt für dieses, als Jugendbuch gekennzeichnete Werk, andererseits; auch Erwachsene müssen sich mit diesen Problemen herumschlagen.

Ob es einen für die Zeichen eines suizidgefährdeten Menschen sensibler macht? Wer weiß…

Beim originalen Klappentext hat sich übrigens ein Fehlerteufel eingeschlichen. Dort heißt heißt es, dass Clay dreizehn Kassetten zugeschickt bekommt. Es sind aber nur sieben Kassetten die beidseitig besprochen sind.

Nachtrag:

Das Buch habe ich 2011 gelesen und rezensiert. Mittlerweile habe ich die erste Staffel der gleichnamigen Serie angeschaut und leider muss ich sagen, dass die Visualisierung mich mehr mitgenommen hat als die Textform. Wahrscheinlich liegt es einfach daran, dass das Bildmaterial die Lesedauer um einiges übersteigt und es in der Serie einfacher war alles detailliert herauszuarbeiten. Mittlerweile gibt es auch die zweite Staffel bei Netflix und die werde ich mir auf jeden Fall mal anschauen. Schließlich möchte ich wissen, ob – beziehungsweise – wie es mit meinem heimlichen Favoriten „Alex“ weitergeht. Fieser Cliffhanger sage ich nur.

 

Bewertung drei Rehkitze

 

 

CBJ/CBT Verlag | 2011 | OT: Thirteen Reasons Why | Übersetzung: Knut Krüger | 283 Seiten | 978-3570307342 | € 9,99 (neuere Ausgabe: 978-3570308431)

 

* Jay Asher: Tote Mädchen lügen nicht. CBJ/CBT Verlag, 2011, die ersten acht Sätze

Kommentare sind geschlossen.